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Musik bewegt und synthetisiert

Musik in Corona Zeiten

Musik dient nicht nur zur Unterhaltung. Musik reflektiert immer das Leben, wird oft eine Essenz dessen was ist, bewegt unser Herz und hält Antworten bereit, die uns die Augen öffnen.

Unsere derzeitige Situation in der Welt wirft viele Fragen und Emotionen auf. Vieles ist auf den Kopf gestellt, Veränderungen sind nötig. So eine Ausnahmesituation setzt psychologische Mechanismen in Gang… die emotionale Bandbreite der Corona-Welle ist enorm.

Hier fünf Musikstücke, die Stimmungen, Emotionen und vielleicht Erkenntnis für unser Tun und Handeln bereit hält.

Musikstück I

W. A. Mozart: Requiem KV 626 III. Sequenz „Dies Irae“

Meine Hörempfehlung: Dies Irae aus Mozarts Requiem Ensemble MusicAeterna und New Siberian Singers unter Teodor Currentzis.

Dies Irae, Dies Illa heißt es in dieser Sequenz im Requiem. Tag des Zornes, Tag der Sünden. Der Ursprung ist ein gleichnamiger mittelalterlicher Hymnus zum Jüngsten Gericht.

Es gibt kein Entrinnen...

Der Dirigent Teodor Currentzis fegt wie ein Sturm mit seinem Ensemble MusicAeterna durch dieses Stück aus Mozarts Requiem. Er peitscht das Ensemble und den Chor zu einem Tempo an, als ob die schwarzen Reiter der Tolkien Saga Herr der Ringe hinter ihm her wären.

„Tag des Zornes, Tag der Sünden wird das Weltall sich entzünden, welch ein Graus wird sein und Zagen...“, so singt der Chor. Die Trompeten blasen die Warnung… die Geigen treiben das Tempo voran… und der Chor homophon gesetzt, verkündet das Unsagbare zwischen ängstlicher Vorahnung und unvermeidlichem Sinn für die Stunde der Wahrheit: Wir werden bezahlen müssen für unser Handeln… es gibt kein Entrinnen…Apokalypse-Stimmung pur…

Musikstück II

Kapelle Petra: An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen. Aus dem Album: Nackt. OMN Label Services 2019.

Auf meine erste Hörempfehlung bekam ich nette Post mit vielen musikalischen Antworten auf Mozarts Dies Irae. Eine davon hat mich zum Schmunzeln gebracht, deshalb wird dieser Song zu meiner heutigen Musikempfehlung in Zeiten von COVID-19: An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen vom Trio Kapelle Petra.

An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen, heißt es im gleichnamigen Song der Band namens Kapelle Petra. Das Trio aus Hamm in Westfalen bringt es auf den Punkt: irgendwann gehen die Lichter aus, bis dahin machen wir das Beste draus. Der Song verwendet keine Bläser die warnen, sondern verkünden. Gitarren, die schrummen, noch dazu Vocals die "uuuhend" den Sänger unterstützen und ein Schlagzeug, das nicht antreibt, sondern das pochende Herz zum Schaukeln bringt. Das zaubert jedem ein Lächeln auf die Lippen, oder?

Zuversicht verändert den Blick...

Zuversicht und die Kunst sein Leben im Hier und Jetzt zu genießen, gerade in Zeiten großer Veränderungsprozesse ist das hilfreich. Der Song also eine wunderbare Ode an die Leichtigkeit. „Jetzt ist noch nicht Schicht“, so Sänger Guido. Und ich sage JAAAAAA!!!! Lasst uns Visionen entwickeln...

Musikstück III

Der nächste Schritt aus Eiskönigin2

Eine meiner Freundinnen ist Psychologin und hat im Moment sehr viel zu tun. In der Telefonseelsorge rufen viele Menschen an und in Zeiten von Corona verstärken sich Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit.

Viele Menschen kommen durch die Pandemie an ihre Grenzen. Strukturen, die sonst Halt geben, haben sich innerhalb kürzester Zeit aufgelöst. All jenen Menschen sei das heutige Musikstück III gewidmet:

Der nächste Schritt aus Eiskönigin 2 komponiert von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez, gesungen von Pia Allgaier.

Viele Helden in Oper oder auch Musical machen dunkle, finstere Stunden durch. Der nächste Schritt ist quasi die Arie von Anna aus dem Disney-Film Die Eiskönigin2. Es ist der Tiefpunkt der Figur in dieser Geschichte. Auch bei Tag ist nichts klar: „Denn ich weiß, dass alles nie mehr so wird, wie es vorher war…“ singt Anna.

Dieses Wissen, dass sich alles ändern wird, bringt Unsicherheit, Traurigkeit und Angst… Die Dunkelheit währt nicht immer an. Dem Tiefpunkt folgt der große Wandel, versprochen.

Oft sind gerade solche Arien des Schmerzes und der Trauer der Dreh- und Angelpunkt für die Helden der Geschichte, um sich wie der Phönix aus der Asche zu erheben: Mach nur den nächsten Schritt! Die großen Geschichten von Wandlungen und Transformationen, fangen ganz klein an… mach nur den nächsten Schritt…

Musikstück IV

J.S. Bach: Andante aus der Sonata No.2 in a-moll für Violine solo BWV 1003

Es ist bei der Musik von Johann Sebastian Bach immer wieder ein Wunder. Der erste Ton erklingt und jeder einzelne Muskel meines Körpers entspannt sich. Es ist Einatmen und Vollkommenheit erahnen. Das gewählte Hörbeispiel ist Teil eines Zyklus für Violine solo und wird hier vom Geiger Frank Peter Zimmermann in der Royal Albert Hall in London interpretiert.

Ein Moment des Durchatmens

Es ist Musik so unwirklich und gerade deshalb so berührend. Das Andante als Tempobezeichnung wird mit gehend übersetzt. War es noch beim Musikstück III bei der Arie von Anna aus Eiskönigin2 der "Nächste Schritt", ist es hier bei J.S. Bach ein Gehen im Herzschlag-Tempo… zärtlich berührend, tröstend und wissend…

Nichts Beschwichtigendes hat diese Musik, die Geige erzählt von den Irrungen und Wirrungen des Lebens, aber alles findet seinen Weg. Entspannung in angespannten Zeiten... ein Moment des Durchatmens. Bachs Musik in seiner Reinheit und Reife wird zu einem lichtreichen Hörgenuss.

Musikstück V

Henry Purcell: O solitude! Z. 406.

Ich weiß, niemand hält soviel von der Einsamkeit. Aber die Leere ist ein Gewinn, und Einsamkeit heißt nicht, nicht verbunden zu sein, mit der Welt, - mit den Menschen.

Einsamkeit ist Glück

Die Maßnahmen, die wegen COVID-19 getroffen worden sind, haben die Welt an manchen Stellen stiller gemacht. Nicht alles ist daran schlecht... Und die Einsamkeit muss keine Bedrohung sein, sondern kann auch Glück bedeuten.

Der Barockkomponist Henry Purcell flirtet mit diesem Gefühlszustand und komponiert 1684 eine Ode an seine große Liebe: die Einsamkeit.

Henry Purcell: O Solitude! Gesungen von Olivia Chaney. Aus ihrem Soloalbum Shelter. Nonesuch Records 2018.

Die englische Folksängerin Olivia Chaney bringt Purcells Lied klanglich in unsere Gegenwart. Der Gesangstimme liegt bei Purcell der basso continuo zu Grunde. In der Interpretation von Chaney übernimmt das die Gitarre. Dennoch bleibt der Charakter des Stückes erhalten.

Es ist ein Liebeslied, mit einer ernsthaftigen Inbrunst und doch einer fast sehnsüchtigen, zärtlichen Bewunderung der Geliebten gegenüber: in diesem Fall die Einsamkeit. Sie ist, wie es im Liedtext heißt, That element of noblest wit, die uns an Orten der Nacht die Ruhe bringt, unseren Blick für die Natur schärft und How ye my restless thoughts delight! Einsamkeit, so Purcell, erleuchtet die rastlosen Gedanken. Das bringt wahre Freiheit.

P.S.: Spannend ist, dass die wiederholende Basslinie von O Solitude sich auch im instrumentalen Vorspiel zum Vers-Anthem In thee, O Lord, do I put my trust Z. 16 wiederfindet. Vielleicht macht Einsamkeit Purcell deshalb keine Angst, weil dieses Gefühl fest verankert ist, und zwar im Gottvertrauen.